Zusammenfassung des 10. Deutschen Wirtschaftsforum: Wie gelingt Digitalisierung in Europa?

Am 15.11.2018 lud die Zeit Verlagsgruppe, mittlerweile im 10. Jubiläumsjahr, zum Deutschen Wirtschaftsforum ein. Das Event trägt den gleichermaßen wünschenswerten wie sperrigen Titel „Digitalisierung, Wirtschaft & Demokratie – auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen Europa“. Weil auch wir uns sehr stark mit diesen Themen, sowohl für uns selbst aber auch für unsere Partner und Kunden beschäftigen, fiel die Entscheidung zur Teilnahme recht schnell. Die Convent Gesellschaft für Kongresse (Zeit Verlagsgruppe) hat es geschafft ein prominentes Line-Up an Akteuren der deutschen Gründerszene und Digitalwirtschaft zu versammeln.

Für uns besonders interessante Köpfe: Christoph Bornschein von TORBEN, LUCIE UND DIE GELBE GEFAHR (TLGG), Georg Kofler, bekannt aus „Die Höhle der Löwen“ und nun Social Media Unternehmer, sowie Laura Rudas, Mitarbeiterin des geheimnisumwobenen Big-Data Startup-Unicorns Palantir. Auf ihre Sichtweisen und Denkanstöße waren wir besonders gespannt. An manchen Stellen haben wir die reine Berichterstattung um unsere Sichtweiten ergänzt. Diese Passagen sind durch die kursive Formatierung zu erkennen.

 

Das Betriebssystem der Ökonomie hat sich verändert

Der erste Keynote Speaker ist Christoph Bornschein, Mitgründer und Geschäftsführer von TORBEN, LUCIE UND DIE GELBE GEFAHR (TLGG). Die Digitalagentur aus Berlin wurde 2008 gegründet und ist schnell zu einem der großen Player im Bereich Social Media Marketing aufgestiegen. Mittlerweile betreibt TLGG ein Büro in New York und beschäftigt sich auch verstärkt mit strategischen Themen.

Christopher Bornschein, TLGG, 10. Deutsches Wirtschaftsforum
Abb.2 Christoph Bornschein, TLGG, 10. Deutsches Wirtschaftsforum

Bewaffnet mit Kapuzenpulli, und schnellem Kopf legt er den Finger schnell in die digitale Wunde Europas. Das Betriebssystem der Ökonomie habe sich verändert, so Bornschein. Europa sei nicht in der Lage gewesen, sich intellektuell vom Maschinenbau zu entfernen. Von den Top 15 Unternehmen weltweit sind null europäisch. Von den Top 200 sind es lediglich sieben. Das Europa der Gartenzäune solle sich keine Sorgen machen, dass zu viele Flüchtlinge zu uns kommen, sondern dass wir ein Museum für chinesische Touristen werden.

Die Beschleunigung der chinesischen Wirtschaft getrieben durch Digitalisierung sei bizarr, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass China erst seit 2015 zu den großen Volkswirtschaften gehöre. Zur Illustration führt Bornschein das chinesische Unternehmen SenseTime an. Das wohl wertvollste Startup für künstliche Intelligenz investiere mehr in das Thema KI als alle Europäischen Länder zusammen. Wie man am FC Bayern sehen könne, führt die Akkumulation von Kapital meist zum Erfolg. Europa müsse aufpassen, denn der Code hinter erfolgreichen Software-Anwendungen transportiere seine Werte in die Welt.

Viele Experten sind sich einig, dass wir mittlerweile in einer Plattformökonomie leben und der Kampf um die Vorherrschaft im Bereich B2C verloren ist. Viele suchen die Antwort in B2B-Plattformen, doch auch hier sei Europa bereits im Hintertreffen, so Bornschein. Über alle Industrien hinweg betreibe das Silicon Valley systematische Disruption (siehe auch Abb. 1).

Die Competetive Europe Association und ganz viel Geld

Wie genau wir diesen Herausforderungen entgegnen können, weiß auch Bornschein nicht. Doch er macht Vorschläge. Der Staat müsse sich mehr einmischen. Wir müssten Technologiefeindlichkeit bekämpfen und die richtigen Rahmenbedingungen für Digitalisierung schaffen. Dies ginge einerseits durch schnellere Umsetzung von Gesetzen (Stichwort Telemedizin) und anderseits durch die Bereitstellung von Geld. Viel Geld.

Über die Finanzierung hinaus, plädiert Bornschein für mehr Multilateralismus und Multistakeholderdialog. Gemeinsam mit Convent (Zeit Verlagsgruppe) hat TLGG daher die „Competitive Europe Association“ gegründet. Die „Competitive Europe Association“ will ein Think Tank sein, der die Kreation eines einheitlichen Europäischen Digitalmarktes fördert. Bornscheins Schlussplädoyer: Jetzt sei die wichtigste Zeit Europas, in der sich entscheidet, ob utopische oder dystopische Szenarien Realität werden.

Christoph Bornschein hat aus unserer Sicht direkt zu Beginn des Events wichtige Fragen gestellt und spannende sowie unangenehme Fakten zum Zustand der Wettbewerbsfähigkeit Europas aufgezeigt. Mit Blick über den Atlantik oder nach Asien müssen wir uns als Europäer fragen, wie unsere gemeinschaftlich gestaltete Form der Digitalisierung aussehen soll. Und zwar solange wir noch die Chance dazu haben, diese mitzugestalten, bevor wir mit einem digital zementierten Wertesystemen konfrontiert werden, in dem wir nicht leben wollen.

In der anschließenden Panel-Diskussion mit Simone Menne, Mitglied des Aufsichtsrats der BMW AG und der Deutschen Post, sowie Frank Bsirske dem Vorsitzenden von ver.di, werden die Ideen Bornscheins weiter diskutiert.

Das Inventar des Möglichen: Digitalisierung und Automation

Frau Menne betont, dass die Plattformen Monolithen seien, die auf der Idee einiger wenigen Personen basieren und alle nach einem bestimmten Prinzip funktionieren. Auch diese Plattformen unterlägen den konstanten gesellschaftlichen und technischen Veränderungen. Kurz gesagt, auch Facebook oder Amazon verschwinden laut Menne wieder. Sie glaubt an das europäische Potential, die „zweite Welle“ der Digitalisierung zu dominieren, wenn wir uns darauf ausrichten.

ver.di-Chef Bsirske betont die Gefahren der neuen Technik in Bezug auf Arbeitnehmerrechte. Die technischen Entwicklungen veränderten das Inventar der Möglichkeiten. So gäbe es seiner Kenntnis nach bei Amazon Abmahnungen aufgrund digitaler Protokolle. Lagermitarbeiter trügen ein Band um das Handgelenk, welches messe, wie konstant und häufig sich Mitarbeiter bewegen. Ein Mitarbeiter habe wegen zweimaliger Inaktivität innerhalb von 5 Minuten eine Abmahnung bekommen.

Die spannende Aussage von Frau Menne, dass auch Facebook und Google noch scheitern können, wird in der heutigen Diskussion zur Digitalisierung selten gehört. In den Erzählungen von Herrn Bsirske erkennen wir, dass das dystopische Potential der Digitalisierung bereits an manchen Orten Realität geworden ist. Auch hier stellt sich die Frage, wie wir unsere Arbeit und unser Leben in Zeiten der Digitalisierung gestalten wollen.  Menschen wie Roboter zu messen und zu behandeln zählt definitiv nicht dazu.

Outfittery Gründerin kritisiert die Höhle der Löwen

Anna Alex, die Gründerin von Outfittery und der „Löwe“ Dr. Georg Kofler, Ex-CEO von ProSieben, später Premiere und nun Investor und Unternehmer, diskutieren über die aktuellen Herausforderungen von Gründern in Deutschland.

Outfittery ist ein smarter Online-Versandhandel, der sich auf individuell zusammengestellte Kleidungsboxen für Männer spezialisiert hat. Knapp 60 Millionen US-Dollar Wagniskapital wurde in mehreren Finanzierungsrunden in das deutsche Vorzeige-Startup investiert. Die Profitabilität von Outfittery wird immer wieder hinterfragt und so kann man ahnen, dass die Gründerin positive wie negative Erfahrungen mit Investoren vorzuweisen hat.

Die Empfehlungen von Anna Alex an Neugründer: Habt nicht so viel Angst, nehmt euch einfach mal ein Jahr zum Ausprobieren und überlegt euch gut, welche Investition ihr annehmt. Manchmal lohne es sich einige Monate zu warten und das Geld dann selbst aufzubringen. Ihre größte Kritik an Gründungsinvestitionen in Deutschland ist, dass zu wenig in Startups investiert wird, die noch nicht profitabel sind und noch einige Jahre Forschung und Entwicklung benötigen.

Auch an „Die Höhle der Löwen“ übt Anna Alex Kritik. Es werde ein falsches Bild vermittelt: Der arme Startup-Gründer müsse betteln gehen und aufpassen nicht zerfleischt zu werden. Gründer und Investoren sollten, wie in der Realität, eher auf Augenhöhe agieren.

Kofler entgegnet, dass „die Höhle der Löwen“ (DHDL) nah an der Realität sei. In DHDL würde er die gleichen Fragen stellen, wie im echten Leben. Generell zieht er ein sehr positives Fazit, da die Sendung unternehmerische Innovation fördere und Unternehmertum von einer kapitalistischen Negtivaura befreie.

 

Anna Alex, Outfittery und Dr. Georg Kofler, Social Chain Group, 10. Deutsches Wirtschaftsforum
Abb.2 Anna Alex, Outfittery und Dr. Georg Kofler, Social Chain Group, 10. Deutsches Wirtschaftsforum

Der ultimative Tipp damit Deutschland eine Gründernation wird

Kofler plädiert für eine „Sonderwirtschaftszone“. Investoren soll ein steuerlicher Anreiz geboten werden in digitale Unternehmen zu investieren. Gleichzeitig sollten junge Unternehmen in den ersten drei Jahren Sonderrechte genießen, wie etwa Erleichterungen bei Einstellungen und Kündigungen.

Anna Alex fordert, wie auch Christoph Bornschein, dass wesentlich mehr Kapital für Gründer bereitgestellt werden solle. Gegen Ende der Veranstaltung lässt sich der Moderator noch ein Rollenspiel einfallen. Die Gründerin von Outfittery soll Dr. Georg Kofler „roasten“, also ihm kritische Fragen zu seinem neuen Unternehmen stellen.

Die größte Wette der deutschen Digitalwirtschaft

Die Social Chain Group, will reichweitenstarke Social-Media-Kanäle, eine Social Media Agentur und E-Commerce intelligent miteinander vernetzen. Der Moderator zitiert die Schlagzeile, dass die Firma Social Chain Group die größte Wette der deutschen Digitalwirtschaft sei. Anna Alex will wissen, wie dieses Geschäftsmodell funktionieren soll? Koflers Social Chain Group will sich über organische Reichweiten und eigene Influencer unabhängiger gegenüber einzelnen Plattformen wie Facebook oder Google machen und weniger in Paid Media investieren. Mithilfe der eCommerce Plattformen will er sich wiederum unabhängig von Amazon machen. Die Social Chain Agentur könne dann bei der Umsetzung der Kampagnen unterstützen.

Wie er dies denn bewerkstelligen will, hakt Frau Alex kritisch nach, die Reichweiten seien doch wahrscheinlich eher gering? Irgendwo müsse man ja mal anfangen, so Kofler. Mit der Social Chain Group habe er die Möglichkeit einen neuen TV-Sender in Social Media zu bauen. Mit ProSieben ist ihm bereits ähnliches gelungen.

Wir denken, dass eine gesteigerte Investition in Early-Stage Digitalprodukte sinnvoll sein kann. Eine reine Druckbetankung mit Geld ergibt bei vielen Startups allerdings keinen Sinn und könnte den Markt unnötig überhitzt (DotCom Blase). Auf jeden Fall können der Gründungsprozess und die Rahmenbedingungen für Startups weiter verbessert werden. Wir sind sehr gespannt, ob Herr Dr. Kofler mit seinem aktuellen “Experiment” erfolgreich sein wird. Wir glauben, dass dieser Transfer nur gelingen kann, wenn die drei Unternehmen intensiv miteinander vernetzt werden und eine starke gemeinsame Kultur entsteht. Um dies zu erreichen ist viel Know-How in den Bereichen Strategie, Social Media und Leadership vonnöten.

Palantir Technologies – das geheimnisumwobenste Milliarden-Startup der Welt

Laura Rudas war seit fünf Jahren auf keiner Bühne mehr und ist laut Moderator Palantirs leitende Vertriebskraft in Europa. Sie selbst bezeichnet sich als Exotin unter Exoten. Geboren als Tochter eines bekannten Wiener Psychiaters war Laura Rudas zunächst mehrere Jahre sehr erfolgreich in der Österreichischen Politik tätig. Trotz beachtlichen Erfolgen, entschloss Sie sich 2014 für ein zweites Studium in Stanford, um dann in das Silicon Valley zu gehen und bei Palantir Technologies zu arbeiten. Ein exotischer Werdegang, der dem von Palantir-Chef Alex Karp in nichts nachsteht. Dieser entschloss sich wiederum von Stanford an die Universität Frankfurt zu kommen und bei dem berühmten deutschen Soziologen Jürgen Habermas zu promovieren.

Ebenso exotisch wie die Mitarbeiter ist der Ruf des gesamten Unternehmens. Palantir Technologies ist ein so genanntes Einhorn. Ein Startup dessen Bewertung im zweistelligen Milliardenbereich schwankt. Einer der ersten Investoren war der streitbare Peter Thiel, der gemeinsam mit Elon Musk und anderen PayPal gründete.

Geschäftsmodell und Kunden von Palantir?

Palantir analysiert große Datenmengen (Big Data) und macht diese für eine Vielzahl verschiedener Unternehmen nutzbar. Das Unternehmen ist besonders für zwei Softwareprojekte bekannt: Palantir Gotham wird von Anti-Terror-Analysten in Behörden und dem Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten verwendet. Palantir Metropolis findet Verwendung bei Hedgefonds, Banken und Finanzdienstleistern (Quelle). Mittlerweile ist das Unternehmen auch für eine Reihe von Kunden in Deutschland tätig. So ist derzeit die hessische Polizei in der Kritik, die Software einzusetzen. Ebenfalls bekannt ist eine strategische Partnerschaft mit Merck.

Die häufige mediale Kritik an Palantir sei ein Resultat der schlechten Eigen-PR, so Rudas. Das Unternehmen bestehe bei insgesamt etwa 1.000 Mitarbeitern zu 80% aus Ingenieuren. Laura Rudas betont die egalitären Eigenschaften von Palantir. Im Gegensatz zu anderen großen Technologieanbietern aus dem Silicon Valley, stelle Palantir seine Software und das Know-How uneingeschränkt europäischen Unternehmen zur Verfügung und unterstütze so vor allem traditionelle Unternehmen dabei, mit der Digitalisierung Schritt zu halten.

Gibt es Ethik bei Palantir?

Laura Rudas ist eine Verfechterin davon, dass die Politik regeln setzen sollte. Viele andere Unternehmen im Silicon Valley stellten ihre eigene Ethik über die der jeweiligen Parlamente. Dies kritisiert die erfahrene Politikerin und hebt europäische Tugenden hervor. Der Kampf um die B2C-Plattformen sei zwar an die USA und China verloren haben, aber bei dem Thema Industrieplattformen, beispielsweise im Bereich Healthcare, könne Europa punkten. Unternehmen und Mitarbeiter seien hier sehr gut aufgestellt und breit ausgebildet. Wo wir uns ein Stück abschneiden können? Sich zu fokussieren und das perfekte Software-Produkt zu bauen. Das sei eine amerikanische Stärke.

Wir hatten einen sehr spannenden und aufschlussreichen Veranstaltungstag auf dem 10. Deutschen Wirtschaftsforum in Frankfurt. Viele wichtige Gespräche wurden geführt und Themen diskutiert, die uns hoffentlich zu einem wettbewerbsfähigeren Europa im Sinne der Digitalisierung führen. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, wenn wir beim Thema Digitalisierung mitreden und mitgestalten möchten. Wir müssen die Weichen rechtzeitig legen, um nicht von den USA und Asien uneinholbar abgehängt zu werden. Es liegt an uns.